Der Tod durch Suizid lässt Angehörige oft sprachlos zurück – in ihrer Trauer, aber auch bei der Frage: Wie gestalten wir den Abschied? Dieser Beitrag ist für alle, die gerade in dieser Situation sind oder sich Gedanken machen. Er gibt keine einfachen Antworten. Aber er zeigt, dass ein würdiger Abschied möglich ist. Anita Meyer -Trauerrednerin
Was nach einem Suizid oft passiert
Familien die jemanden durch Suizid verlieren, stehen vor einer doppelten Last: der Trauer um den Menschen – und dem Schweigen um den Tod. Viele wissen nicht, ob sie offen reden sollen. Ob der Pfarrer es überhaupt machen wird, denn das Thema Suizid ist auch heute in der Kirche ein «nicht-konformer-Tod». Ob jemand urteilt.
Ich sage das klar: Ich urteile nicht. Ich frage nicht warum. Ich bin da, um dem Menschen, der gegangen ist, einen Abschied zu geben, der ihm gerecht wird. Das ist meine einzige Aufgabe.
Darf man bei einem Suizid überhaupt eine Trauerzeremonie halten?
Ja. Unbedingt ja. Und ich würde sagen: Gerade dann.
Jeder Mensch – ohne Ausnahme – verdient jemanden, der seine Geschichte erzählt. Der seinen Namen ausspricht. Der sagt: Dieser Mensch hat gelebt. Er hat geliebt. Er hat gelitten. Und er verdient, dass wir uns erinnern.
Ein Abschied ohne Zeremonie kann die Trauer erschweren. Viele Angehörige berichten, dass das Fehlen eines Rituals einen echten Abschluss verhindert hat. Die Zeremonie gibt der Trauer einen Rahmen. Sie erlaubt dem Schmerz, da zu sein – laut oder leise, wie er muss.
Was ich bei solchen Zeremonien anders mache
Ich spreche mit der Familie ausführlich – über den Menschen, nicht über seinen Tod. Was liebte er? Was machte sie lachen? Was waren ihre Eigenheiten, die alle kannten?
Ich entscheide mit der Familie, was in der Rede erwähnt wird und was nicht. Manche wollen offen über die Todesart sprechen. Andere wollen den Menschen feiern, ohne die letzten Wochen in den Vordergrund zu stellen. Beides ist richtig. Beides ist möglich.
Ich folge dem, was die Familie braucht. Nicht dem, was «üblich» ist.
Was wenn die Familie sich schämt?
Scham bei Suizid ist verbreitet – und menschlich. Ich urteile sie nicht. Aber ich sage auch klar: Scham gehört nicht in einen Abschied. Der Verstorbene hat gelitten. Das ist keine Schande. Das ist Menschlichkeit.
Ich schaffe einen Raum, in dem die Zeremonie stattfinden kann – würdevoll, liebevoll, ohne Stigma. Was ausserhalb dieses Raumes gesagt oder gedacht wird, kann ich nicht kontrollieren. Was in ihm passiert, schon.
Wie ihr anfangt
Schreibt mir. Das ist alles. Ihr müsst nichts erklären, nichts vorbereiten, nichts entschieden haben. Sagt mir wer gestorben ist, wann, und dass ihr Hilfe braucht. Ich melde mich innerhalb von 24 Stunden. Auch kurzfristig.
Ihr seid nicht allein damit.
«Schreibt mir – kein Vorerklären nötig. Ich bin da.»
Vertraulich Kontakt aufnehmenDu stehst gerade an einem Punkt an dem Du nicht weiterweist. Wende Dich in einer Krisensituation vertrauensvoll an Tel. 143 -Schweiz

